Low-Code-Plattformen öffnen die Entwicklung für neue Anwenderschichten. Um das richtige Angebot zu finden, ist allerdings eine sorgfältige Evaluierung notwendig.

In der traditionellen Applikationsentwicklung programmieren Entwickler den größten Teil einer Lösung von Grund auf. Dazu sind nicht nur vertiefte Kenntnisse mindestens einer Programmiersprache notwendig, auch Zeit- und Personalaufwand sind erheblich. Bereits in den 1980er Jahren gab es daher mit dem Rapid Application Development (RAD) Bestrebungen, die Softwareentwicklung zu beschleunigen und zu verschlanken. RAD setzt auf vorgefertigte Bausteine, aus denen sich zum Beispiel relativ schnell eine Web-Applikation zusammensetzen lässt. Die Low-Code-Bewegung entwickelt diesen Ansatz nicht nur fort, sie erweitert ihn auch um Aspekte wie Testautomatisierung und Bereitstellung. Dadurch verringert sich die Fehlergefahr und die Produktionsreife kann wesentlich schneller erreicht werden.

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Die Vorteile von Low-Code-Plattformen

Low-Code-Plattformen haben im Wesentlichen die folgenden Vorteile:

  • Die Zusammenarbeit von IT und Fachabteilungen wird produktiver und effektiver, weil ausführbare Prototypen sehr viel schneller zur Verfügung stehen und evaluiert werden können. Das vereinfacht die Kommunikation zwischen den Bereichen und verringert die Gefahr, dass die Erwartungshaltung nicht getroffen wird, und sich Fehler unerkannt durch die Entwicklung ziehen, die am Ende aufwendig behoben werden müssen.
  • Die Entwicklerteams sind kleiner als in traditionellen Softwareprojekten. Dadurch werden Projekte wesentlich agiler und flexibler. Da die Projekte üblicherweise eher kleiner und fachspezifisch angelegt sind, kommen die Ergebnisse direkt den Fachbereichen zugute.
  • Mitarbeiter aus den Fachbereichen können als „Product Owner“ direkt eingebunden werden. Darüber hinaus ist die Mitarbeit als „Citizen Developer“ möglich. Das reduziert die Arbeitsbelastung der Spezialisten, beschleunigt den Entwicklungsprozess und erhöht die Anwenderzufriedenheit. Manche Hersteller behaupten sogar, dass Fachbereiche mit ihrer Low-Code-Plattform komplette Entwicklungsprojekte stemmen könnten. Solche Aussagen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. In der Regel wird sich der Beitrag auf Prototypen beschränken, die dann von der IT-Abteilung unter Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten, Schnittstellen und Skalierbarkeit produktionsreif gemacht werden.
  • Low-Code-Plattformen bieten auch die Chance, eine wuchernde Schatten-IT wieder in den Griff zu bekommen. Sie ermöglichen es, neue Anforderungen in den Fachabteilungen schnell umzusetzen. Das reduziert die Gefahr deutlich, dass Mitarbeiter sich mit MS Excel behelfen, oder sich Lösungen selbst beschaffen, die aus Kosten-, Compliance- und / oder Sicherheitsgründen problematisch sind.

Worauf Unternehmen bei der Auswahl einer Low-Code-Plattform achten sollten

Der Markt für Low-Code-Lösungen wächst extrem. Forrester Research zufolge soll er bis 2024 auf 14,5 Milliarden US-Dollar anwachsen, bei jährlichen Steigerungsraten zwischen 15 und 25 Prozent. Das große, sich ständig erweiternde Angebot erschwert es allerdings, die passende Plattform zu finden. Vor einer detaillierten Evaluierung ist es deshalb sehr wichtig, sich über die eigenen Anforderungen klar zu werden, und eine Vorauswahl zu treffen. Unsere Low-Code-Spezialisten haben für diese Aufgabe ein kostenloses, interaktives Tool entwickelt. Zu den berücksichtigen Kriterien gehören unter anderem:

  • Kosten: In welchem Preissegment sollte sich die Plattform bewegen?
  • Primäre Entwicklersprache: In welchen Programmiersprachen ist bereits Know-how vorhanden, welche sollen zukünftig bevorzugt eingesetzt werden?
  • Sitz des Unternehmens. Je nach Branche oder Art der zu verarbeitenden Daten kann die Auswahl der Unternehmen auf solche eingegrenzt werden, die ihren Sitz beispielsweise in der EU haben.
  • Unterstützung von mobilen oder Desktop Apps

Diese Kriterien sind nur ein kleiner Teil unseres Fragenkatalogs, den wir bei der individuellen Beratung von Kunden einsetzen. Insgesamt werden rund 50 Kategorien bei der Evaluierung berücksichtigt.

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Nach der detaillierten Evaluierung erhält der Kunde eine detaillierte Bewertung der in Frage kommenden Low-Code-Plattformen.

 

In einem Workshop vor Ort unterstützen unsere Experten Unternehmen bei der Auswahl der passenden Plattform, erstellen gemeinsam einen Kriterienkatalog und geben Handlungsempfehlungen. Im „JumpStart Workshop“ führen wir den Kunden dann direkt in die Low-Code-Entwicklung ein und vermitteln praxisnah technisches Wissen. Bei konkreten Projekten kann im „Agile Workshop“ darüber hinaus bereits ein erster Prototyp als „Proof of Concept“ erstellt werden.

 

Der Einsatz von Low Code – ein Praxisbeispiel

Ein Beispiel aus der Automobilbranche soll die Vorgehensweise unserer Low-Code-Experten deutlich machen:

Ein Kunde hatte bereits die Anforderungen zweier Einsatzszenarien für die Auswahl einer Low-Code-Plattform zusammengestellt: Use Case 1 war eine komplexe Prüfungssoftware für Autowerkstätten, die als Modul in andere Software-Systeme integriert werden musste. Die Lösung der Wahl sollte offline-fähig sein und sowohl auf Android als auch auf Windows Desktop funktionieren. Zudem sollte sich die existierende Business-Logik importieren lassen. Für den Anschluss einer Hardware-Komponente war die Unterstützung von C#-Bibliotheken oder Windows-DLL notwendig. Schließlich sollte die Lösung die Lizenzierung 18.000 nicht namentlich benannter Nutzer erlauben. Fachanwender sollten zudem mithilfe eines Template-Baukastens eigene Module entwickeln können.

 

Bei Use Case 2 handelte es sich um eine Stammdatenpflegeanwendung zur Erstellung und Pflege von Vorgaben für die technische Fahrzeugüberwachung, welche die Basisdaten für die Software aus dem zuvor beschriebenen Einsatzszenario vorhalten sollte. In ihr sind Millionen von Stammdaten mit komplexen Verknüpfungen untereinander sowie die Prozesse hinterlegt, die in Use Case 1 genutzt werden. Ein Regelsystem legt fest, wann in der Software von Use Case 1 welche Daten wie zum Tragen kommen. Die Software wird nur In-House von etwa 100 Anwendern genutzt. Eine Offline-Fähigkeit und eine Einbindung von C#-Bibliotheken oder Windows-DLL ist nicht notwendig.

 

Trotz dieses recht detaillierten Kriterienkatalogs stießen wir bei der Evaluierung auf Schwierigkeiten. So ließen sich beispielsweise die tatsächlichen Kosten der jeweiligen Lösungen nur schwer berechnen, manche Tools waren zwar für spezielle Aspekte der Anforderungen gut geeignet, deckten aber nicht das gesamte Spektrum ab. Darüber hinaus war es schwierig, Plattformen zu finden, die tatsächlich für Fachanwender ohne Programmierkenntnisse geeignet waren.

 

Die MT AG wählte einen dem „Planning Poker“ vergleichbaren Ansatz – eine seit 2005 in agilen Projekten gern genutzte Methode, um Aufwände abzuschätzen. Mehrere Kollegen sahen sich individuell verschiedene Tools an und bewerteten diese. Diese Bewertungen wurden dann miteinander abgeglichen, um Abweichungen zu erkennen und gegebenenfalls zu bereinigen. Die Evaluationsergebnisse wurden dann dem Kunden vorgestellt und von diesem auf seine Schwerpunkte hin überprüft. In schwierigen Fällen wurden die technischen Spezialisten der Hersteller hinzugezogen.

 

Für den Bereich der Stammdatenpflege (Use Case 2) konnten einige Low-Code Anbieter empfohlen werden, um damit die Produktivität bei den Entwicklern zu erhöhen und gleichzeitig die Fachabteilung besser einzubinden. Bei Use Case 1 hingegen wurde der Low-Code-Einsatz nicht empfohlen, da der Mehrwert bei den sehr spezifischen Anforderungen für die externen Apps aktuell wirtschaftlich zu gering ausfallen würde.

Fazit

Low-Code-Plattformen werden in vielen Bereichen die traditionelle Applikationsentwicklung ablösen oder zumindest ergänzen. Gartner schätzt, dass bis 2024 die Anwendungsentwicklung mit Low-Code in mehr als 65 Prozent aller Softwareprojekte eingesetzt wird. Mit ihrem modularen und flexiblen Ansatz passen sie ideal zu modernen agilen Konzepten wie Scrum oder DevOps. Während Low-Code-Projekte aktuell in der Praxis noch primär in den Fachbereichen Anklang finden, gibt es einen Trend, klassische ERP-, CRM- und andere unternehmensweite Systeme zu integrieren oder sogar zu ersetzen.

 

Das riesige Angebot sowie die oft intransparenten Kosten- und Lizenzstrukturen der Hersteller erschweren eine Auswahl. Eine unabhängige Beratung von Low-Code-Spezialisten ist deshalb ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Einführung einer solchen Plattform.

 

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Volker Koster

Niels de Bruijn

Bereichsleiter Low-Code

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