Replatforming – Ein erste Annäherung

Der in letzter Zeit im häufiger auftretende Begriff „Replatforming“ wird oft in den Kontext der Cloud-Migration gesetzt. Obwohl dies in vielen Fällen durchaus das Ziel ist, so ist die Cloud-Migration nicht der wirkliche/tatsächliche Treiber für Replatforming-Projekte.

Replatforming ist weitaus mehr und umfasst unserer Ansicht nach alle IT-Modernisierungsmaßnahmen, die dazu führen, die Anforderungen an die Digitale Transformation umzusetzen bzw. diese vollumfänglich zu unterstützen. Daher reicht es nicht aus, sich nur auf den Teil „Digitalisierung“ zu beschränken. Vielmehr muss eine IT-Infrastruktur geschaffen werden, die Unternehmen insgesamt adaptiver und flexibler macht und damit eine schnellere Anpassung hinsichtlich der sich ständig ändernden Kundenbedürfnisse unterstützt.

Außerdem gehören zum Thema Replatforming nicht nur Begriffe wie Agilität, Flexibilität sowie Skalierbarkeit und Elastizität, sondern auch die Themen Cloud First, Microservice-Architekturen, DevOps, Infrastrucure as Code und ganz wichtig, ein hoher Grad an Automatisierung.

Die steigende Komplexität durch Microservice-Architekturen, z.B. im Betrieb von Kubernetes und Docker, muss beherrschbar und steuerbar sein und eine schnelle Fehlerbehebung ermöglichen. Dies lässt sich nur durch entsprechende Monitoring- und Betriebslösungen schaffen sowie durch geeignete DevOps Organisationen und Verfahren. Daher darf das Betriebsthema nicht außen vorgelassen werden.

Unter Replatforming kann man aber auch einfach nur die Neugestaltung von Bedienoberflächen verstehen, die aufgrund immer mehr mobiler Anforderungen der Kunden bedient werden müssen. Auch wenn Hersteller-Produkte aus der Wartung genommen werden und man sich Gedanken zu alternativen (modernen) Produkten als Ersatz machen muss, dann wird eigentlich ein Replatforming-Projekt durchgeführt.

Replatforming hat somit viele Gesichter und muss mit einer ganzheitlichen Betrachtung starten. Es wird nicht ausreichen, die gewachsenen Legacy-Systeme einfach zu modernisieren. Treiber für Veränderungen sollte immer aus der Kundensicht heraus erfolgen. An welchen Schnittstellen bzw. Prozessen kann ich den meisten Mehrwert für meinen Kunden erzeugen und wie schaffe ich es, mich möglichst schnell an geänderte Anforderungen anzupassen.

Legacy-Systeme als wertvolles Erbe sehen und nicht als Belastung

Kontaktloses Bezahlen, Fingerdruck Login/Payment, QR Code Tickets, Amazon Dash Button, Online Post Frankierung, Bestellungsannahme und Ausgabeoptimierung in Fast-Food Ketten u. v. m.

Legacy-Systeme sind nicht nur die alten Mainframes mit ihrem Cobol-Code, wie man vielleicht vermuten könnte. Nein, auch Anwendungen, die in .Net, C# oder Java entwickelt wurden, können bereits zu den Legacy Systemen gehören.

Ein Legacy-System zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es in erster Linie unternehmenskritische Prozesse unterstützt, sich nur schwer warten lässt und neue Funktionen nur mit großem Aufwand eingebunden werden können. Legacy-Systeme bilden aber auch einen großen Teil des Unternehmenswissen sowie die Erfahrungen ab. Damit sind Informationen und Vorgehensweisen gemeint, die den Vorsprung vor Wettbewerbern in der Vergangenheit sichergestellt haben und ihr Unternehmen so erfolgreich gemacht hat.

Den Vorteil, auf das umfangreiche Wissen aus den Legacy-Systemen zurückgreifen zu können, kann man gewinnbringend bei der Neugestaltung der IT-Systeme einbringen und somit den vermeintlichen Vorsprung von agilen Startup-Unternehmen wett machen. Diese mögen durch den Start ihrer IT-Systeme auf der „grünen Wiese“ möglicherweise von Anfang an etwas flexibler sein, müssen aber erst die Erfahrungen sammeln und diese in Form von ständigen Anpassungen in ihren Systemen abbilden.

Das Ziel muss also sein, eine Transformation zu gestalten, die das gesammelte Wissen weiter nutzt und effektiv in eine neue Unternehmens- sowie IT-Landschaft führt. Wichtig ist es, frühzeitig mit der Modernisierung von IT-Systemen zu starten, auch wenn man hierbei zunächst nur in kleinen Schritten vorwärts geht. Nur so lässt sich ein größerer Vorsprung der Wettbewerber wirklich vermeiden.

Replatforming beschränkt sich nicht auf die Modernisierung der IT

Unternehmen, die sich bei Replatforming-Projekten darauf beschränken, nur die IT-Systeme zu modernisieren, werden recht bald feststellen, dass damit nur bedingt die Bedürfnisse der Kunden erfüllt werden . Es reicht nicht aus, die alten Legacy-Systeme in die Cloud zu hieven, mobile Oberflächen zu realisieren oder zusätzliche Schnittstellen zum Informationsaustausch bereit zu stellen.

Wenn solche Veränderungen nicht gleichzeitig mit der Anpassung der Unternehmensprozesse und auch möglicher Anpassungen in der Organisation einhergehen, dann hat das Unternehmen zwar eine Digitalisierung betrieben, ist aber weit weg von dem, was man unter der Digitalen Transformation versteht.

Damit Replatforming-Projekte ihr Ziel erreichen, ist es u.a. unabdingbar, die Organisation deutlich stärker in eine produkt- bzw. serviceorientierte Struktur zu überführen. Definierte Fach- und IT-Teams übernehmen die komplette Verantwortung für das Produkt und kommunizieren mit anderen Unternehmensbereichen über fest definierte “Service-Schnittstellen” auf Basis definierter “goldener Regeln” und “Makroprinzipien” – ganz nach dem Motto “you build it – you run it – you own it”.

Die Digitale Transformation erfolgreich starten

Damit die Digitale Transformation bzw. entsprechende Replatforming-Projekte erfolgreich umgesetzt werden können, ist es erforderlich, zunächst eine umfassende Technologie-Landkarte zu erstellen. Hierbei gilt es auch einem Wildwuchs von technologischen Produkten vorzubeugen, aber für die fachlichen Anforderungen möglichst zielgenaue Technologien einzusetzen.

Abbildung 1: Technologielandkarte – Ein MT AG Best Practice

UI ist dennoch ein wichtiger Bestandteil einer Anwendung. Zum einen für die allgemeine Wahrnehmung und zum anderen um das Potenzial eines Produktes auszuschöpfen. Als gutes Beispiel hierfür gilt die „Sendungsverfolgung der DHL. Die entstandene Transparenz und gestiegene Kundenzufriedenheit führte nämlich zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Paketlieferanten. Mittlerweile erachtet man diesen Service als gegebenen Standard, jedoch mussten hier alle Konkurrenten diesen Schritt im Nachgang gehen.

In diesem Rahmen können auch erste Entscheidungen getroffen werden, welche Kernsysteme im Rahmen von Standardanwendungen abgebildet werden können und welche Funktionalitäten den Wettbewerbsvorteil sicherstellen und daher besser individuell und somit in eigener Verantwortung schneller anzupassen sind. Replatforming-Projekte sind keine Big-Bang-Projekte sondern sollten immer im Rahmen einer inkrementellen Transformation umgesetzt werden. Zu Beginn sollte man mit möglichst kleinen Produkten beginnen, die aber einen großen Nutzen für den Kunden und damit für das Unternehmen bringen.

Insbesondere bei der technischen Umsetzung der Replatforming-Projekte könnte eine mögliche Roadmap bzw. wichtige ToDos, die zum Start erledigt werden sollten, wie folgt aussehen:

  • Organisiere oder moderiere einen IT-Strategieworkshop
  • Werbe für deine Vision, Mission und die KPIs
  • Analysiere die aktuelle Situation
  • Definiere eine “High Level Roadmap”
  • Identifiziere ein erstes Produkt
  • Schreibe die Epics (User Stories) für ein erstes “carve out / API First” Replacement
  • Definiere und kommuniziere die goldenen Regeln und Makro Prinzipien
  • Initiiere dein erstes Produktteam
  • Richte deine Microservice-Umgebung ein
  • Miss kontinuierlich den Erfolg und den Spirit deiner Teams anhand der KPIs

Mit dieser kurzen Übersicht habe ich versucht, erste Denkanstöße für den richtigen Weg einer Digitalen Transformation zu geben. Replatforming-Projekte sind unabdingbar, wenn Unternehmen mit dem schnellen Wandel, den die Digitalisierung mit sich bringt, mithalten wollen. Die Angst vor Veränderung, gerade bei den sicherlich stabil laufenden Legacy-Systemen, kann zum Hemmschuh werden, mit dem man bei der Geschwindigkeit der vielen kleinen Startup-Unternehmen nicht mehr mithalten kann. Schrittweise Transformation des aufgebauten Wissens aus den Legacy-Systemen in eine neue serviceorientierte IT-Infrastruktur kann den entscheidenden Vorteil gegenüber den Wettbewerbern darstellen. Also gilt es so schnell wie möglich zu starten und nicht der Letzte zu sein, der die Startblöcke im Rennen der Digitalen Transformation verlässt.

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